Die Katastrophen von Haiti und Schwarzafrika
January 25, 2010
Dieter Moor im Gespräch mit dem Schriftsteller Hans Christoph Buch
Es ist eine Naturkatastrophe, die die Ärmsten der Armen getroffen hat – und Europa und die USA reagieren mit einer ungeahnten Welle der Solidarität: Das Erdbeben von Haiti hat die Welt aufgerüttelt. Der Berliner Schriftsteller Hans Christoph Buch ist Haiti-Kenner – und Betroffener: Seinen Verwandten geht es gut, aber er ist in Sorge um Freunde, Nachbarn und vor allem um das Land, mit dem er tief verbunden ist und das jetzt, in der Stunde Null, in Trümmern steht.
Dieter Moor spricht mit Hans Christoph Buch über eine ungewisse Zukunft und über die Menschen, von denen sich viele jetzt gezwungen sehen, ihr Heimatland zu verlassen. Ein weiterer Flüchtlingsstrom, der letztlich auch uns hier in Europa erreichen wird?
Hans Christoph Buch hat sich auseinandergesetzt mit den Flüchtlingsströmen aus Afrika und anderen Krisengebieten und appelliert an die Verantwortung der Europäischen Union – die nicht zur „Festung Europa“ werden dürfe.
Haiti – von der Moral des Helfens
Ob Haiti oder Schwarzafrika – die Armenhäuser der Welt werden von den reichen Staaten unterstützt. Gibt es eine Pflicht zur Hilfe? Was bewirkt sie und wie sinnvoll ist sie überhaupt? DerSchriftsteller Hans Christoph Buch hat sich immer wieder mit diesen ethischen Fragen auseinandergesetzt; er hat selbst Verwandte in Haiti.
Im Gespräch klagt Hans Christoph Buch an, dass Haiti schon vor dem Erdbeben durch internationale Hilfe „vollkommen entmündigt“ worden sei: „Defacto wird kein Schlagloch auf der Straße mehr von den Anwohnern repariert, keine Brücke mehr in Stand gesetzt, alles überlässt man internationalen Organisationen, und die UNO, die mit fast 10.000 Blauhelmsoldaten da ist, hat immer nur den Mangel und die Unsicherheit verwaltet, aber es wurden nie die Wurzeln beseitigt.“
Der Schriftsteller sieht das große Dilemma im Fehlen der einheimischen Regierung: „Man stelle sich vor, nicht Helmut Schmidt hätte das Kommando übernommen bei der Flutkatastrophe in Hamburg mit Hilfe der Bundeswehr, sondern da hätte man gewartet, bis Hilfsorganisationen aus China oder Indien eintreffen.“ Trotzdem gäbe es eine Zivilgesellschaft und Selbstheilungskräfte, die mobilisiert werden müssten: „Es ist ein Staat, der stolz ist auf seine Geschichte, ein Stück nach Amerika verpflanztes Afrika, dort haben die Sklaven ihre Freiheit erkämpft, nicht die Kolonialherren, und daran kann man schon anknüpfen“.
Hilfsorganisationen seien auch „eine Art Industrie“, so die weitere Kritik Buchs. Haiti habe früher Reis und andere Lebensmittel produziert, heute werde alles importiert, sogar Eier müssten aus der Dominikanischen Republik eingeführt werden. Er wolle jedoch nicht generell Hilfseinsätze oder die Spendenbereitschaft oder Menschen kritisieren – es käme nur auf das „wie“ an. „Es muss Nothilfe geleistet werden. Aber die beste Hilfe wäre tatsächlich, Haiti nicht mehr weiter zu entmündigen, sondern die Zivilgesellschaft, die Frauen, die Kirchen, die Gewerkschaften, die Studenten, die Intellektuellen zu mobilisieren, dass sie an einem Strang ziehen beim Wiederaufbau, und dabei geht es vor allem darum, Arbeitsplätze zu schaffen, da kann das Geld helfen – aber nicht, dass die Arbeitsplätze wieder nur Arbeitsplätze bei uns sind.”
source: daserste.de / Bild: dpa
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