Luxembourg, le 9/09/2010

Frankreichs Rolle in Haiti: Wo die Republik ihre Ideale verriet

January 28, 2010

(Von Michaela Wiegel, Paris)

24. Januar 2010 Frankreich will sich seiner historischen Verantwortung für Haiti stellen. Auf diese Weise begründet der französische Außenminister Bernard Kouchner, der an diesem Montag an der vorbereitenden Hilfskonferenz in Montreal teilnimmt, das Engagement seines Landes für den Wiederaufbau auf der Karibikinsel. Als Mitbegründer der Hilfsorganisation „Médecins sans frontières“ steht Kouchner in der Tradition der französischen Linken, die ihr humanitäres Engagement mit der zurückliegenden Rolle Frankreichs als Kolonialmacht erklärt. In Saint-Domingue, dem heutigen Haiti, hat Frankreich ein gutes Jahrhundert, vom Friedensvertrag von Rijswijk 1697 bis zur blutig erkämpften Unabhängigkeit 1804, geherrscht.

Saint-Domingue war einst die reichste der französischen Überseebesitzungen; die Kolonie erwirtschaftete allein ein Drittel des französischen Außenhandels. Trotzdem ist die Erinnerung an die einstige „Perle der Antillen“ in Frankreich verblasst. Die französischen Schulkinder lernen kaum etwas von der Geschichte Haitis, viele verwechseln das Land gar mit „Tahiti“. Das hängt mit dem Ende der französischen Herrschaft zusammen, das als Schmach empfunden wurde. Es war die erste militärische Niederlage Napoleons. Dem von seinem Schwager Leclerc angeführten, 47.000 Mann starken Expeditionskorps gelang es nicht, den Aufstand der Sklaven und Mulatten niederzuschlagen.

Präsidentengattin Carla Bruni mit einem Waisenkind aus Haiti am Flughafen Roissy bei Paris
Die Staatsgründung Haitis als Selbstbefreiung der Sklaven stört zudem das Selbstbild Frankreichs als Heimstätte der allgemeinen Menschenrechtserklärung und als Nation von universaler Mission. Denn lange nach 1789, bis 1848, blieb der „Code Noir“ in Kraft, jene von Jean-Baptiste Colbert verfassten 60 Artikel, die das Los der schwarzen Sklaven in den Überseebesitzungen regelten.

„Unsere Beziehungen zu Haiti sind delikat, emotionsgeladen und überspannt, weil sie unseren Bezug zu Frankreich und zu uns selbst herausfordern. Zu unserer kolonialen, monarchischen und imperialen Vergangenheit. Zu unseren reichen und schönen Küstenstädten (Nantes, La Rochelle, Bordeaux), zu Ebenholz- und Dreieckshandel, die Reichtum und Schönheit begründeten“, schreibt der Intellektuelle Régis Debray in seinem 2004 erschienenen Buch „Frankreich und Haiti“. Der aus Guadeloupe stammende Historiker Claude Ribbe, der unter anderem das Buch „Die Verbrechen Napoleons“ verfasst hat, geht noch weiter: „Haiti ist seit 1804 unabhängig, aber wenn man genau hinschaut, kamen die Haitianer nie aus der Bevormundung heraus.“ Das besiegte Frankreich verhängte ein Embargo über die junge Republik, unterstützt von den anderen Kolonialmächten. Haiti musste hohe Reparationszahlungen an die enteigneten Sklavenhalter leisten, insgesamt 150 Millionen Gold-Franc. Das Schicksal Haitis sollte abschreckend wirken auf die verbleibenden französischen Karibik-Besitzungen, auf Guadeloupe und Martinique, wo Revolten gegen die Großgrundbesitzer niedergeschlagen wurden.

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Debray nennt die Haitianer „verstoßene Halbbrüder“ der Franzosen. „Es ist eine Insel, auf der eine Sprache gesprochen und geschrieben, Bilder gemalt, Musik komponiert und Geschichten erfunden werden, wie man sie in Paris häufiger hören, sehen und lesen möchte“, schreibt Debray. Er erinnert daran, dass es die haitianische Delegation war, die sich bei der Gründungskonferenz der Vereinten Nationen in San Francisco 1945 erfolgreich dafür einsetzte und die Stimmen Lateinamerikas dazu gewann, dass Französisch zur zweiten Arbeitssprache der Weltorganisation erhoben wurde. „Frankreich ist Haiti ewige Dankbarkeit schuldig“, sagte der Vorsitzende der französischen Delegation, Georges Bidault, damals.

Doch Frankreich unterstützte das korrupte Regime der Duvalier-Dynastie, zunächst den Vater, dann den Sohn, der nach seiner Vertreibung 1986 mit offenen Armen in Frankreich aufgenommen wurde. Unter dem sozialistischen Präsidenten Mitterrand lebte der gestürzte Diktator „Baby Doc“ in einem Luxusanwesen an der Côte d’Azur; wegen seines unrechtmäßig erworbenen Vermögens wurde er nicht behelligt. Bis heute hat sich der 59 Jahre alte Jean-Francois Duvalier, der in Paris lebt, nicht vor der französischen Justiz verantworten müssen.

Das liegt vielleicht auch an dem geringen Interesse, das die öffentliche Meinung in Frankreich Haiti zu gewöhnlichen Zeiten entgegenbringt. Die Karibikinsel liegt weit weg, auch wenn Haitianer zu den wichtigsten Einwanderergruppen auf Martinique und Guadeloupe zählen und ein Viertel der Bevölkerung von Französisch-Guyana bilden. In Frankreich leben etwa 40.000 Haitianer. Zuletzt intervenierte Frankreich unter Präsident Chirac in Haiti. Anfang 2004 stimmte sich Chirac mit dem damaligen amerikanischen Präsidenten Bush über die Ablösung des haitianischen Präsidenten Jean-Bertrand Aristide ab; Frankreich organisierte die Aufnahme des abgesetzten Präsidenten in der Zentralafrikanischen Republik. Es beteiligte sich mit Blauhelm-Truppen an der Stabilisierungsmission..

Präsident Sarkozy war mit dem Versprechen angetreten, sich nicht in die Verantwortung nehmen zu lassen für weit zurückliegende Fehler Frankreichs. Der Zeremonie zu dem von Chirac eingeführten Gedenktag für die Verbrechen der Sklaverei am 10. Mai blieb Sarkozy vergangenes Jahr ostentativ fern. Doch jetzt könnte er der erste französische Präsident der Neuzeit werden, der wieder haitianischen Boden betritt: Sarkozy hat seinen Besuch auf der Karibikinsel für den kommenden Februar angekündigt.

Quelle: www.faz.net / Bild: AFP, dpa