Haiti im Fokus ausländischer Interessen
January 25, 2010
Hinter der Solidaritätswelle für das von einem Erdbeben schwer getroffene Land findet ein neues Kapitel im Machtpoker um Lateinamerika statt. Die USA, Venezuela und Brasilien kämpfen um die Führungsrolle.
Einst war Haiti die «Perle der Antillen», heute gilt der westliche Teil der Karibikinsel Hispaniola als «gescheiterter Staat». Ein Land, das seit dem Sturz der Diktatur des Duvalier-Clans 1986 nicht mehr zu Stabilität gefunden hat. Ergebnis einer «Gesellschaft entwurzelter ehemaliger Sklaven, die auch 200 Jahre nach der Unabhängigkeit von 1804 noch völlig fragmentiert ist und kein gemeinsames Verantwortungsbewusstsein für ihre Nation gefunden hat», wie der Soziologe Gerard Pierre Charles vor einiger Zeit in einem langen Gespräch erklärt hat
Die Konzentration der jeweils Mächtigen auf die Ausschaltung des politischen Gegners und die eigene Bereicherung habe dazu geführt, dass Haiti in seiner Entwicklung keine Fortschritte gemacht habe.
Die USA markieren Präsenz
Haiti ist laut der Anti-Korruptions-Organisation «Transparency International» seit Jahren das korrupteste Land Lateinamerikas. Seit 1993 befinden sich fast ununterbrochen UNO-Blauhelme im Land, um ihm auf die Beine zu helfen. Interne Machtkämpfe und internationale Ränkespiele machten die Versuche stets zunichte. Haiti ist ein Beute-Staat, in dem sich rivalisierende Clans um Macht und Pfründe reissen. Die Entwicklungshilfe ist eine davon. Das Beben hat dem maroden Staatsapparat den Todesstoss versetzt und ihn ganz abhängig gemacht von ausländischer Hilfe.
Das wissen auch die Nachbarländer. Die Katastrophenhilfe geniesse absolute Priorität für seine Regierung, verkündete US-Präsident Obama und setzte Menschen und Material in Richtung Haiti in Bewegung. Die USA haben ein geostrategisches Interesse an dem Land. Es liegt nur knapp tausend Kilometer von Miami entfernt, rund eine Million Haitianer leben in den USA. Der politische und ökonomische Kollaps könnte eine riesige Flüchtlingswelle auslösen, sorgt sich die US-Regierung. Ausserdem ist Haiti ein Drehkreuz für den Drogenschmuggel.
Die beiden Staaten verbindet auch die Geschichte. 1915 schickten die Amerikaner Truppen auf die Insel, die ihre Wirtschaftsinteressen durchsetzen sollten. Während der bis 1934 dauernden Besetzung zweigten sie etwa 40 Prozent des Bruttoinlandprodukts ab. Später unterstützten die USA Diktatoren ebenso wie Militärputsche, aber auch den Armenpriester Jean-Bertrand Aristide, der 1990 Präsident wurde. Der frühere US-Präsident Clinton ist heute UNO-Sonderbeauftragter für Haiti. Das Land war und ist für die USA ein Puzzlestück im regionalen Machtpoker.
Südamerikanische Interessen
Freilich auch für andere Länder: Das erste Flugzeug, das nach der Katastrophe in Port-au-Prince landete, kam aus Venezuela. Obamas linker Rivale in Lateinamerika, Hugo Chavez, will die Nase vorn haben im bizarren Wettlauf um die Solidarität. Er liefert Haiti seit Jahren Erdöl zu Vorzugspreisen, und auch sein Verbündeter, das kommunistische Kuba, ist seit langem präsent auf Haiti: Rund 400 kubanische Ärzte arbeiten seit Ende der 90er-Jahre im Karibikstaat und haben einen wichtigen Beitrag zum Erhalt des Gesundheitssystems geleistet. Nun bietet das Beben die Gelegenheit, Einflusssphären auszuweiten.
Doch den Zweikampf hat seit einigen Jahren ein drittes Land aufgemischt. Brasilien führt seit 2004 die UNO-Stabilisierungstruppe «Minustah» und hat dabei durchaus Erfolge vorzuweisen. So gelang es den «Blauhelmen» unter brasilianischer Führung, die kriminellen Banden in den Armenvierteln in die Schranken zu weisen. Das Ansehen der Brasilianer bei der Bevölkerung ist hoch – wozu auch die Popularität der Fussballmannschaft beiträgt, die schon mal zu einem Freundschaftsspiel nach Port-au-Prince kam. Brasiliens Präsident Lula hat sein Land bereits als führenden Koordinator der Katastrophen- und Wiederaufbauhilfe ins Spiel gebracht. Für Brasilien ist Haiti vor allem ein Trampolin auf dem Weg zur Weltmacht und wenn möglich in den UNO-Sicherheitsrat – als ständiges Mitglied.
Frankreich ist draussen
Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hingegen spielt nur noch kulturell und symbolisch eine Rolle. Zu den «wichtigen Entscheiden», die in diplomatischen Kreisen ausgeheckt werden, wird der französische Botschafter zwar immer noch hinzugezogen – die Fäden ziehen aber inzwischen andere. Zuletzt kam es 2003 zu französisch-haitianischen Verwicklungen, als der damalige Präsident Haitis, Jean-Bertrand Aristide, die Rückzahlung einer historischen Schuld von 21 Milliarden Dollar forderte. Frankreich hatte eine entsprechende Summe nach den blutigen Unabhängigkeitskriegen von Haiti als «Entschädigung» gefordert – und erhalten. Es war der Preis dafür, dass Frankreich, die USA, Grossbritannien und Spanien die Unabhängigkeit anerkannten. Einige Historiker sehen in der hohen Summe mit ein Grund für den wirtschaftlichen Niedergang der einst reichsten französischen Kolonie.
Es wurde auch schon auf den Zusammenhang zwischen den fatalen Rodungen und dieser «Entschädigung» hingewiesen. Um sie bezahlen zu können, seien damals die Mahagoni-Wälder abgeholzt worden. Der Beginn weiterer Rodungen aus Not und eines ökologischen Desasters.
(Sandra Weiss)
source: tagblatt.ch