Ministerpräsident widerspricht Eindruck, das Land stehe unter Fremdherrschaft der USA
January 25, 2010
11 000 Soldaten haben die USA bereits nach Haiti entsandt, 4000 weitere wollen sie anscheinend noch entsenden. Vor Ort sollen die US-Soldaten die nach dem Erdbeben notwendigen Hilfsmaßnahmen unterstützen. Dem entstandenen Eindruck, Haiti stehe unter Fremdherrschaft der USA, widersprach nun Ministerpräsident Jean-Max Bellerive.
Nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti wollen die USA weitere 4000 Soldaten in den Karibikstaat schicken, die die Hilfsmaßnahmen vor Ort unterstützen sollen.
Zur Entsendung nach Europa und Nahost eingeteilte Truppen würden in den Karibikstaat umgeleitet, teilten die US-Streitkräfte am Mittwoch (Ortszeit) mit. Acht Tage nach dem Beben wurden zwei Kinder lebend aus den Trümmern gerettet.
Der Marschbefehl sei bereits am Dienstag an eine Flugzeugträgerkampfgruppe und eine Marineinfanterie-Einheit ergangen, teilte die US-Armee mit. In Haiti sollen sie die Hilfe für die Überlebenden des Erdbebens vom vergangenen Dienstag unterstützen. Bis Mittwoch hatten die USA bereits rund 11.000 Soldaten nach Haiti entsandt. Auch Brasilien will 800 zusätzliche Soldaten schicken.
Haitis Ministerpräsident Jean-Max Bellerive und Staatschef René Préval traten dem Eindruck entgegen, Haiti stehe unter Fremdherrschaft. Die US-Truppen seien „auf unsere Bitte“ im Land und „nur, um uns in humanitären Dingen und Sicherheitsangelegenheiten zu helfen“, sagte Bellerive dem Rundfunksender RTL. In der französischen Zeitung „Libération“ sagte Préval, Haiti stehe nicht unter „Treuhänderschaft“. Kritik an der Entsendung von US-Soldaten war zuvor aus Venezuela und Bolivien gekommen.
Der durch das Erdbeben schwer beschädigte Hafen in Port-au-Prince soll nach Angaben der US-Armee am Freitag wieder teilweise geöffnet werden. Dann könne vielleicht wieder die Hälfte seiner ursprünglichen Kapazität genutzt werden. Wenn wieder Schiffe mit Hilfslieferungen anlegen könnten, werde der völlig überfüllte Flughafen entlastet, erklärte die Armee.
Noch immer finden Retter Lebende unter den Trümmern. In Port-au-Prince zogen Nachbarn ein elfjähriges Mädchen aus einem zerstörten Haus. „Es ist ein wahres Wunder, sie kommt Stück für Stück zurück ins Leben“, sagte der Arzt Dominique Jan. „Ihre Nieren funktionieren, sie bekommt Salzwasser gegen die Dehydrierung und langsam wieder ein wenig zu essen“, sagte er. In einem anderen Stadtteil wurde ein Fünfjähriger aus den Trümmern eines Hauses gerettet. Erst am Dienstag hatten Retter zwei Frauen und ein Baby lebend in Port-au-Prince gefunden.
Nach UN-Angaben wurden seit dem Beben am Dienstag vergangener Woche mehr als 120 Überlebende aus den Trümmern gerettet. Mehr als 1800 Retter, verteilt auf 40 internationale Rettungsteams, waren mit insgesamt über 160 Suchhunden weiter im Einsatz. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration hat das Erdbeben allein in Port-au-Prince mindestens eine halbe Million Menschen obdachlos gemacht, 447 Notlager gebe es in der Hauptstadt. Das Deutsche Rote Kreuz teilte mit, dass seine Gesundheitsstation zur Grundversorgung von rund 30.000 Menschen und 250 Patienten täglich ihre Arbeit aufgenommen habe.
Die UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) warnte vor einer „Tragödie“ in ländlichen Gebieten. Die haitianischen Landwirte benötigten vor Beginn der Saatperiode im März dringend Hilfen, sagte FAO-Chef Jacques Diouf in Rom. Sonst könne aus der Katastrophe in den vom Beben betroffenen Städten eine „ländliche Tragödie“ werden. Die Landwirtschaft spiele eine Schlüsselrolle beim Wiederaufbau. Für Montag ist im kanadischen Montréal eine internationale Haiti-Geberkonferenz geplant.
gxs/AFP
source: Focus