“Wir sind keine Besatzer”
January 25, 2010
Von der “USS Carl Vinson” berichtet Marc Pitzke
Noch nie haben die USA so viel Militär für einen humanitären Einsatz mobilgemacht. Eine Armada vor Haiti bringt den Bebenopfern Lebensmittel, Medikamente und Hoffnung. Die Soldaten sind froh, dass sie helfen können – und zugleich frustriert: “Es nimmt kein Ende.” Das Elend ist in Sichtweite – und doch so fern. Scharf zeichnen sich die Hügel Haitis gegen die untergehende Karibiksonne ab wie auf einer Postkarte. Zwei Kutter ziehen aus der Bucht von Port-au-Prince aufs offene Meer.
Fischen sie? Fliehen sie?
Auf dem Flugdeck der “USS Carl Vinson” nimmt sie keiner wahr. Hier folgt alles einem festen Plan, ganz routiniert. Zwei C-2-Transportflugzeuge stürzen sich aus dem Himmel, setzen auf, bremsen scharf, klappen die Flügel ein. Ein Hubschrauber nach dem anderen knattert heran, spuckt Material, Maschinen, Menschen aus. Alles verläuft wortlos, mit Gesten und Zeichen, die dicken Ohrschützer machen jedes Gespräch überflüssig. Der Rückstoß der Triebwerke treibt den Matrosen den Schweiß auf die Stirn. Es riecht nach Öl und Benzin. Behäbig stampft der Flugzeugträger “USS Carl Vinson” fünf Kilometer vor Port-au-Prince seine Runden. Die schwimmende Festung ist der Angelpunkt der Joint Task Force Haiti (JTFH), der größten Mobilmachung zu humanitären Zwecken, die die USA je unternommen haben. Drüben an Land sterben immer noch Menschen an den Folgen des Erdbebens, neun Tage danach. Hier an Bord tun sie, was sie können, um noch mehr Tote zu verhindern.
“Wir sind gekommen, um zu helfen”, sagt Konteradmiral Ted Branch, der Kommandant der Haiti-Flotte und zweitranghöchste Offizier an Bord. “Wir sind keine Besatzer.” Branch, der für die USA schon in Bosnien, Irak und Libanon im Krieg war, will sich internationale Kritik am Haiti-Einsatz seines Landes nicht gefallen lassen: “Dies ist ein Musterbeispiel für internationale Kooperation.” Er verzieht sein hageres Gesicht. Seine Stimme bricht. “Sorry”, krächzt er. “Schwer erkältet.” ”Der größte Einsatz, den wir je gefahren sind”
Eine richtige Armada haben die USA mittlerweile aufgefahren. Die “USS Carl Vinson”, den Zerstörer “USS Higgins”, die Fregatte “USS Underwood”, den Kreuzer “USS Normandy”, eine Amphibieneinheit unter Führung der “USS Bataan” mit 2220 Marineinfanteristen, das Lazarettschiff “USS Comfort”, das endlich auch vor Port-au-Prince eingetroffen ist. Die meisten Boote sind vom Deck der “Vinson” erkennbar. Insgesamt hat das Pentagon 11.000 Soldaten nach Haiti beordert, auf See wie an Land.
“Dies ist der größte Einsatz, den wir je gefahren sind”, sagt Lieutenant Colonel Jerome Morris – viel größer etwa als die Hilfsaktion nach dem Hurrikan “Katrina”, an der die “Vinson” beteiligt war. Trotzdem ist dies für Morris ein Job wie jeder andere. “Man wird frustriert”, sagt er mit soldatischer Nonchalance. “Es nimmt kein Ende. Es ist heiß. Es ist nun mal, was wir tun.”
Morris sitzt mit fünf Kollegen in einer Kabine am Flugdeck und steuert den Ansturm der Transporthubschrauber per Funk, wie ein Ballett-Choreograf. “Flight Deck Control”, steht an der massiven Stahltür. Vor Morris liegt ein maßstabsgetreuer Lageplan der “Vinson”, auf dem er kleine Pappkreise herumschiebt – sie symbolisieren die Hubschrauber, die gerade starten und landen. Eine Kaffeemaschine verbreitet bitteren Gestank, Insektenschutzmittel steht griffbereit.
Ein Stahlkoloss, 24 Stockwerke hoch
Die “Vinson” ist ein Monsterschiff: 300 Meter lang, 24 Stockwerke hoch, 95.000 Tonnen schwer, 3000 Kajüten. Endlose Korridore, mal grell, mal in düsteres Rotlicht getaucht, schlingen sich durch den Stahlkoloss, vernetzt durch steile Treppen und schmale Türen. “Ich verlaufe mich immer noch”, sagt Matrose Steven Hale, der seit sieben Monaten dabei ist. Wichtiger noch: Die “Vinson” ist dank zweier Atomkraftwerke tief unten im Bauch mehr als 30 Knoten schnell. Damit hat sie die Seestrecke von Virginia nach Haiti in weniger als drei Tagen geschafft. Das war allerdings ein glücklicher Zufall: Normalerweise liegt die “Vinson” an der US-Westküste vor Anker, von da aus wäre der Weg in die Katastrophenzone viel länger gewesen. Für den Haiti-Einsatz ist die “Vinson” vom Flugzeugträger zum Helikopter-Bahnhof mutiert – etwas, was die meisten an Bord zum ersten Mal erleben und was den Ablauf anfangs etwas durcheinander gebracht hat. Inzwischen hat es sich eingependelt: “Die Dinge gehen voran”, sagt Admiral Branch. “Die Kräfte sind im Fluss.”
Rund 20 Helikopter fertigt die “Vinson” inzwischen pro Tag ab, meist CH-53, die “Sea Stallions”, Seehengste. Hinzu kommen die C-2-Flugzeuge, die Packesel des Schiffs, “Greyhound” genannt. Sie schaffen Lebensmittel, Medikamente, Ersatzteile und Personal vom zwei Stunden entfernten US-Stützpunkt Guantanamo auf Kuba heran, bringen sie dann weiter nach Port-au-Prince. In drei Tagen hat die “Vinson” außerdem rund 22.000 Liter Trinkwasser an Bord selbst produziert und an Land geflogen.
“Zwölf Stunden Dienst, zwölf Stunden frei”
In der haitianischen Hauptstadt hätten sie jetzt ein gutes Netz aus Verteilungspunkten aufgebaut, sagt Admiral Branch. Nun würden sie sich den ländlichen Gegenden widmen, in denen bisher niemand war. Hilfsmittel würden sie aber nur noch abwerfen, wenn die Stellen vorher militärisch oder zivil gesichert seien, um Gewalt zu vermeiden. Branch beschreibt das wie jede andere Herausforderung, für die die “Vinson” gebaut wurde: eine Landung hinter Feindeslinien, den maritimen Aufbau einer Front, die Patrouille piratenverseuchter See. Die Silhouette des verwüsteten Port-au-Prince wirkt von dem Schiff aus wie eine entrückte Filmkulisse. Doch gerade erst musste ein Hubschrauber mit 18 Verletzten, darunter neun Haitianern, auf dem Weg ins Feldlazarett wegen schlechten Wetters auf die “Vinson” ausweichen. Die Patienten wurden hier stabilisiert und dann zur “Comfort” weitergeschickt, die 1200 Krankenbetten hat. Schlagzeilen machte auch das zweijährige Mädchen, das der CNN-Korrespondent und Neurochirug Sanjay Gupta an Bord der “Vinson” notoperierte. All das sind spektakuläre Fälle – und doch nur wenig angesichts des Leidens auf Haiti. Einige Matrosen quittieren ihren Heroismus lakonisch: “Zwölf Stunden Dienst, zwölf Stunden frei”, sagt ein Latino mit tätowierten Armen. Und in der Freizeit? “Gewichte heben, telefonieren, vielleicht lesen.” ”Ich finde es phantastisch, dass wir hier helfen können”, sagt hingegen Natosha Pejoue, eine quirlige junge Frau, die vor einem Computer hockt und die Flugzeugaufzüge steuert – enorme Hebevorrichtungen, die die Maschinen von ihren Parkpositionen an Deck befördern.
Die Routinefahrt nach Hause wurde zum Kriseneinsatz. Für die “Vinson” ist es die erste Mission seit fünf Jahren. So lange nämlich hatte das 1982 in Betrieb genommene Mega-Schiff in Virginia im Trockendock gelegen, Besatzung inklusive – wie jeder atomgetriebene Flugzeugträger, der nach einem guten Vierteljahrhundert generalüberholt und mit neuen Brennstoffen bestückt wird. Die “Vinson” war gerade mal zwölf Stunden ausgelaufen, als der Notruf aus Haiti kam. So wurde aus der Routinefahrt nach Hause ein Kriseneinsatz. ”Mindestens mehrere Monate”, schätzt Admiral Banch. Eigentlich wollte die “Vinson” Mitte April in San Diego sein, nach einer notwendigen Umrundung Südamerikas – das Schiff ist zu groß für den Panamakanal. Mit der Dunkelheit hören die Flüge auf, verstummt der Lärm an Deck, aus Sicherheitsgründen. Die Matrosen sammeln sich im gigantischen, gelblich angestrahlten Hangar, der sich unter der Landebahn über die ganze Länge des Schiffes erstreckt. Sie joggen, machen Liegestütze, ringen miteinander. Irgendwoher tönt Discomusik, Lachen hallt durch die stählerne Höhle. Durch die gigantischen Seitentore des Hangars geht der Blick hinaus aufs Meer, das sich tief unten stetig vorbeischiebt. Haitis Elend wird zum Schattenriss und versinkt in der Nacht.
source: Der Spiegel / image: spiegelonline