Luxembourg, le 31/07/2010

Das Leiden nach dem Beben

March 6, 2010

Verschüttete eines Erdbebens haben ganz typische Verletzungen. Ein Gespräch mit einem deutschen Chirurgen, der in Haiti Opfer operierte.

Schlimmste Quetschverletzungen führten bei den Überlebenden des Erdbebens auf Haiti zu zahlreichen Amputationen. Auch der 21-Jährige Junol Morancy verlor seinen rechten Unterschenkel.


DIE ZEIT: Am Wochenende hat ein Erdbeben in Chile viele Opfer gefordert. Sie haben gerade drei Wochen lang in Haiti geholfen. Was bedeutet Chirurgie in so einem Katastrophengebiet?

Matthias Richter-Turtur: Diese beiden Länder kann man nicht vergleichen. In Haiti sind sehr viele Menschen umgekommen, wegen der leichten Bauweise der Gebäude haben aber auch sehr viele Menschen schwer verletzt überlebt.

ZEIT: Welche Verletzungen haben solche Opfer?

Richter-Turtur: In Haiti gab es vor allem schlimmste Quetschverletzungen. Daher mussten leider oft Amputationen durchgeführt werden, weil die schwer zerstörten Gliedmaßen nicht mehr zu retten waren. Häufig hatten wir Nekrosen zu behandeln, genauer: abgestorbene Bereiche der Weichteile. Die entstehen durch Quetschungen, die lange verschüttete Menschen erleiden. Diese Verletzungen werden den Opfern dort noch lange zu schaffen machen, denn sie wachsen nicht von selbst zu. Die Wunden müssen durch plastische Operationen versorgt werden. Die begehrtesten ärztlichen Instrumente waren in Haiti sogenannte Dermatome, damit kann man gesunde Haut für eine Transplantation entfernen.

ZEIT: Dann waren Knochenbrüche wohl die harmloseren Verletzungen?

Richter-Turtur: Nicht ganz. Offene Brüche bringen die Gefahr einer Infektion mit sich, wenn die Opfer längere Zeit verschüttet waren. Besonders schlimm aber sind die Lähmungen. Durch die Quetschungen, die Verschüttete erleiden, kommt es zu einer dauerhaften Schädigung der peripheren Nerven. Das ist wie mit einem eingeschlafenen Bein, wenn man unglücklich auf der harten Kirchenbank gesessen hat. Dauert das Stunden oder gar Tage an, bleibt die Lähmung bestehen. Das führt zu schrecklichen Situationen: Wir hatten da junge Frauen – ein Arm amputiert, der andere gelähmt. Die sind für immer auf fremde Hilfe angewiesen.

ZEIT: Wie viele Opfer haben Sie operiert?

Richter-Turtur: Gezählt habe ich nicht, es dürften um die 120 gewesen sein.

ZEIT: Unter welchen Bedingungen haben Sie behandelt?

Richter-Turtur: Wir hatten ein leer stehendes Kinderkrankenhaus zur Verfügung. Dort gab es einen kleinen OP-Raum mit einem heruntergekommenen Operationstisch und einem defekten Narkosegerät. Da ist operative Tätigkeit nur eingeschränkt möglich. Bei differenzierten Eingriffen wäre die Infektionsgefahr viel zu groß.

ZEIT: Betäubungsmittel und Instrumente hatten Sie mitgebracht?

Richter-Turtur: Natürlich. Auch sonst gibt es einfache Mittel, um zu helfen. Die Knochenbrüche wurden durchweg mit einem Stangen-Schrauben-System behandelt. Damit werden die Knochenteile extern fixiert, und man muss den Knochen nicht freilegen. Allerdings wird daher in Kürze eine Welle von Patienten auf die Kliniken zukommen, bei denen die Fixateure wieder entfernt werden müssen.

ZEIT: Worauf muss ein Arzt bei Operationen in Katastrophengebieten besonders achten?

Richter-Turtur: In Haiti, wie auch in vielen anderen Entwicklungsländern, ist immer zu bedenken, dass es sich um HIV-infizierte Patienten handeln könnte. Ich arbeite daher mit doppelten Handschuhen. Man muss sich flexibel auf sehr schwierige Arbeitsverhältnisse einstellen: keine OP-Schwester, die einem die Instrumente reicht, keine perfekte Anästhesie, alles wird improvisiert.

ZEIT: Wie entscheiden Sie in so einer Situation, wen Sie zuerst behandeln?

Richter-Turtur: Was schnell erledigt werden kann, wird zuerst gemacht, die komplizierteren Fälle danach. Man muss aber wissen: Die Patienten, die es unter diesen Bedingungen geschafft haben, bis in das Krankenhaus zu kommen, haben die Akutphase der Katastrophe schon überlebt und kamen nicht mit einer vitalen Bedrohung. Die Triage, wie sie bei uns bei einem Großschadensereignis notwendig ist – die Einteilung in hoffnungslose Fälle, in dringliche und solche, die warten können–, war in dieser Form nicht nötig.

ZEIT: Wäre manche Amputation unter hiesigen Bedingungen zu vermeiden gewesen?

Richter-Turtur: Sicherlich hätte man in Deutschland bei wenigen Fällen bessere Voraussetzungen gehabt, um zu retten, was vielleicht zu retten ist. Aber in der Regel waren die Amputationen unvermeidbar – einfach durch die Art der Verletzungen.

Matthias Richter-Turtur ist Professor und Facharzt für Chirurgie, Unfallchirurgie und Orthopädie am Isar Medizin Zentrum in München.Nach dem Beben in Haiti hat er am Ort Opfer versorgt und behandelt.

Das Gespräch führte Ulrich Bahnsen

source: diezeit.de