Raoul Peck zeigt Haiti-Drama
March 6, 2010
Berlin (ddp). Erst wenige Wochen liegt das schwere Erdbeben in Haiti zurück. Das große mediale Interesse für das Schicksal der Menschen dort hat sich wieder gelegt. Umso bedeutender ist, dass auf der Berlinale mit dem Politdrama “Moloch Tropical” ein Film läuft, der die prekäre politische Lage der karibischen Republik, die 1804 ihre Unabhängigkeit erlangte, beleuchtet.
Gedreht wurde der Film, der in der Reihe Berlinale Special läuft, von dem 1953 in Haiti geborenen Regisseur Raoul Peck. Nach “Haitian Corner” (1988) und “Der Mann auf dem Quai” (1993) realisierte er damit erstmals wieder einen Kinofilm in Haiti. Darin geht es um die letzten 24 Stunden eines demokratisch gewählten Präsidenten vor seinem Sturz. Während der Präsident zu einer Feier auf seiner Bergfestung internationale Gäste erwartet, bricht in der Hauptstadt eine Revolte los, die er von seinen Milizen niederknüppeln lässt.
In “Moloch Tropical” wollte Peck hinter die Kulissen der Macht schauen. “Haiti war dabei für mein Thema nur ein persönliches Laboratorium, das ich gut kenne”, sagte Peck im ddp-Gespräch. “Wenn ich von Haiti erzähle, spreche ich zugleich über die Welt.” Er habe viele Reiseeindrücke und Beobachtungen aus aller Welt in das Drehbuch eingebracht. “Insofern lässt sich der Film nicht nur auf haitianische Präsidenten beziehen, sondern auch auf Politiker wie Richard Nixon, Bill Clinton, Silvio Berlusconi oder Wladimir Putin.”
Ihm sei es vor allem darum gegangen, “das Verhalten der Mächtigen und ihrer Umgebung zu studieren”. Dabei würden sich viele Mitläufer von Machthabern wie Kinder aufführen, die nicht mehr selber denken könnten: “Sie machen jeden eigenen Schritt von dem abhängig, was der Machthaber sagt.” Eines wollte Peck auf jeden Fall vermeiden: den gewählten Präsidenten als Diktator diffamieren. “Deshalb zeige ich ihn auch als menschliches Wesen mit menschlichen Schwächen”, sagte der Regisseur. Allerdings arbeite der Film auch heraus, wie leicht Machthaber die Grenzen überschritten und ihre Macht missbrauchten. Etwa in einer schonungslos direkten sexuellen Forderung an Frauen.
Peck kennt das Politikermetier aus eigenen Anschauung. 1996/1997 war er in Haiti Kulturminister. Seitdem ist er davon überzeugt: “Politik ist die gewalttätigste Welt, die ich kenne. Dort verraten sich sogar die besten Freunde gegenseitig.” Und wer sein Amt verliere, der sei plötzlich ein Niemand, nach dem sich keiner erkundige.
Als Filmthema ließ Peck, der ein Filmstudium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin absolvierte, die Politik aber nicht los. Schon mit seinem zweiten langen Film “Lumumba – Tod des Propheten” (1992) über den zairischen Freiheitskämpfer und Politiker Patrice Lumumba gelang Peck, der als Kind mit seiner Familie nach Kinshasa zog, der internationale Durchbruch. Vor fünf Jahren lief sein erschütterndes Drama “Sometimes in April” über den Völkermord in Ruanda im Berlinale-Wettbewerb. Als nächstes Projekt bereitet er einen Spielfilm über den jungen Karl Marx vor.
Derzeit versucht der Filmemacher allerdings vor allem, seinen haitianischen Landsleuten zu helfen. Nur wenige Tage nach dem Erdbeben reiste er nach Haiti und verbrachte dort zwölf Tage. Mitgebracht hat er von dort den Eindruck: “Es gibt eine große gemeinsame Sehnsucht nach Veränderung und einer Nation mit mehr Gleichheit.” Dabei könnten auch die westlichen Länder helfen, “indem sie sehr demütig und aufmerksam zuhören, was die Einheimischen über ihre wahren Bedürfnisse und langfristigen Ziele sagen.”
ddp/rkr/nat
source: Frankfurter Rundschau